Kunst für die Gute Stube

Kunst für die Gute Stube
Neuss, 30. Juni 2026

Elfen im Garten Eden – ein typisches Motiv der Zeit

Viele Jahrhunderte war Kunst exklusiv den gehobenen Ständen vorbehalten: Adel, Kirche, später auch dem Großbürgertum. Kunst gab es in der Regel nur als Auftragsarbeit im Original, und wer sich dies leisten wollte, musste es ökonomisch zu etwas gebracht haben.

Das änderte sich erst im 19. Jahrhundert, als der Druck mit Ölfarben erfunden wurde. Vielfach auf geprägtem Papier mit Oberflächenstruktur, damit der Eindruck echter Leinwand entstand.

Gerahmte Kunstdrucke wurden damit zum Massenprodukt, häufig von fliegenden Händlern auf Märkten oder von Haus-zu-Haus verkauft. Anbieter veröffentlichten ihr Repertoire in immer umfangreicheren Katalogen. Von teuren Großformaten über Miniaturen bis hinunter zu bedruckten Postkarten war für jeden Geldbeutel etwas dabei.

Erstmals zog damit auf breiter Form Buntheit in die von dunklem Holz und schweren Stoffen geprägten Stuben des 19. Jahrhunderts ein. Wer zu dieser Zeit ein neues Sofa oder Bett erwarb, bekam vielfach einen solchen Kunstdruck kostenlos zum „Beihang“ dazu – häufig im passenden Handtuchformat, wie es damals hieß: breit und mit geringer Tiefe.

Die dargestellten Motive stammten zunächst vor allem aus dem religiösen Bereich, Engel im Renaissance-Stil waren groß in Mode, ebenso wie der klassizistische Reigen der Elfen. Aber auch die Verherrlichung von Natur und Jagd zählten zu den typischen Motiven.

Kunst für die Gute Stube

Jesus wird vom Kreuz abgehangen

Mit der wachsenden Säkularisation öffnete sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts das Themenspektrum.

In den Wilden Zwanzigern wurde es dann locker, leicht und manchmal sogar frivol, bevor mit dem Aufstreben der Nationalsozialismus wieder ein mehr konservatives und völkisches Klima in den Bildwelten aufzog.

Nach dem Zweiten Weltkrieg lebte der Markt im Wiederaufbau zunächst erneut auf, doch Ende der Fünfziger Jahre kam diese Form der Wohnraumgestaltung nach fast einhundert Jahren endgültig aus der Mode.

Weil da bereits Millionen von Drucken im Umlauf waren, wurden sie später zu einem günstigen Second-Hand-Produkt auf Flohmärkten. Die kunstvollen Rahmungen, die sich für Spiegel wiederverwenden ließen, waren dabei häufig mehr wert, als die eigentlichen Druckbilder.

Erleben kann man die bunte Welt der Kunstdrucke seit 2010 im Feld-Haus Museum für populäre Druckgrafik in Neuss, das ich heute zum ersten Mal im Rahmen einer Führung besucht habe.

Die Sammlung geht auf die langjährige Direktorin des Clemens Sels Museums Neuss, Dr. Irmgard Feldhaus, zurück, die regelrecht eine Leidenschaft für diese spannenden papierenen Zeitzeugen entwickelte. Die heute mehr als 9.000 Objekte umfassende Feld-Haus Sammlung fußt auf der großzügigen Schenkung ihrer bedeutenden Sammlung an die Stadt Neuss im Jahre 2006.

Rund 300 Exponate der Ursprungssammlung werden in der Dauerausstellung präsentiert. Zusätzlich beleuchtet ein abwechslungsreiches Ausstellungsprogramm die vielen Facetten der Populären Druckgrafik in ihren kunst- und kulturhistorischen Kontexten. Wir waren heute bei der Führung nur zu dritt, woraus sich eine lebendige Interaktion mit der Kuratorin entspann. Das war richtig nett und auch sehr lehrreich.

( Michael Tischer )

Streetart-Tour Essen, Teil II

Streetart-Tour Essen, Teil II
Essen, 29. Juni 2026

Bahndamm im Essener Norden an der Dinastraße

Ein weiteres brutal heißes Wochenende. Diesmal purzeln überall in Deutschland die Hitzerekorde: 40,8 Grad, 41,2 usw. Noch nie seit Beginn der Wetteraufzeichnungen war es bei uns im Juni so heiß.

Erneut versuche ich, das Angenehme mit dem Schönen zu verbinden, indem ich mich aufs Motorrad schwinge und durch die kühle Fahrtluft in die Ruhrgebietsmetropole Essen rolle, zum Zeiten Teil meiner Street-Art Tour.

Immer nur kurz stehen bleiben, lautet das Motto auf dieser Foto-Tour – an den Ampeln und beim Fotografieren der vielen schönen Motive, sofern ich dabei in die Sonne muss. Immer wieder kann ich den warmen Asphalt unter meinen Füßen regelrecht riechen.

Aber egal, die Tour macht Spaß und es lohnt sich. Diesmal bin ich von der Mitte bis zu den nördlichen Stadtteilen unterwegs, knapp an der Grenze zu Bottrop und Gelsenkirchen. Und auch hier gibt es wieder jede Menge zu sehen, sofern man originelle Street-Art zu schätzen weiß.

( Michael Tischer )

Schwitz, schwitz, kein Witz

Schwitz, schwitz, kein Witz
Büttgen, 28. Juni 2026

Abends bei uns im Feld

Nach zwei Wochen extremer Juni-Hitze in ganz Europa soll ab Morgen erst einmal wieder normales Sommerwetter mit Temperaturen von 24 bis 26 Grad Einzug halten. Wird aber auch Zeit, die Menschen und auch die Infrastruktur sind mittlerweile ganz schön gestresst. Gestern und heute sind mit 41,3 bzw. 41,5 Grad noch einmal neue Temperaturrekorde in Deutschland gefallen. Bei mir im Wohnmobil auf seiner Parkposition im Garten waren es gestern Nachmittag sogar 45 Grad. Schwitz, schwitz, kein Witz.

In der ersten Hitzewoche konnte ich mein Haus dank der großen Dachflächenfenster noch über Nacht etwas abkühlen, doch in den vergangenen Tagen sind auch die Nachttemperaturen nicht mehr unter 25 Grad gefallen. Gut, dass ich vor einigen Jahren eine mobile Klimaanlage angeschafft hatte. Habe ich zwar ewig nicht mehr benutzt, aber gerade ist die gold wert, damit ich zumindest ein Schlafzimmer etwas abkühlen und ruhig nächtigen kann.

Doxi lasse ich zurzeit einfach über Nacht im Garten, weil es dort für die alte Dame angenehmer ist, als im Haus. Tagsüber liegt sie wechselweise in den verschiedenen Erdkuhlen, die sie sich unter Hecken und Sträuchern gebuddelt hat, und macht einfach gar nichts. Ab und zu schaue ich nach ihr, bürste sie ein wenig mit kaltem Wasser ab und reiche Leckerchen.

Auch ich habe mich in mein abgedunkeltes Büro zurückgezogen. Für das Lernen ist das ja ganz praktisch, auch wenn es gestern und heute dort ebenfalls dreißig Grad hatte. Abends drehe ich ab 21:30 eine Runde durch die Felder, in denen es dann langsam abkühlt – das sind gerade die schönsten Momente des Tages. Die Kartoffeln blühen und die ersten Kornfelder sind auch bereits abgeerntet. Ein untrügliches Zeichen, dass das erste Halbjahr bald schon wieder vorbei ist.

Bleibt nur zu hoffen, dass die Extremhitze nicht so schnell zurückkehrt, sonst haben wir hier alle echt ein Problem.

( Michael Tischer )

Bauhaus-Moderne auf Zollverein

Bauhaus-Moderne auf Zollverein
Essen, 26. Juni 2026

Ikonische Industriearchitektur: Die Zeche Zollverein in Essen

Die Zeche Zollverein in Essen, selbst ein Monument moderner Industriearchitektur, zeigt derzeit in der historischen Mischanlage der Kokerei eine spannende Architekturausstellung unter dem Titel „bau1haus – die Moderne von Essen bis Asmara“. Darin werden rund 300 fotografische Arbeiten präsentiert, mit denen der Berliner Fotograf Jean Molitor (*1960) seit 2009 herausragende Beispiele der klassischen Architekturmoderne eingefangen hat.

In mehr als 70 Ländern war Molitor mittlerweile auf seiner Spurensuche unterwegs, um zumeist Bauhaus-geprägte Architektur zu fotografierten. Ähnlich wie bei Bernd und Hilla Becher, die mit ihren Fotografien von Industriebauten den Blick für die Vielfalt und Ästhetik von Fördertürmen und Wasserspeichern schärften, steht für Molitor die Dokumentation der Bauten im Fokus.

Und genau wie die berühmten Bechers orientiert sich Molitor bei seinen Arbeiten an der klassischen Architekturfotografie. Er fotografiert von einem erhöhten Standpunkt aus, möglichst wenig verzerrt und frei von allem, was nicht zur Architektur gehört. Das schärft den Blick auf das Wesentliche.

„Einige der fotografierten Gebäude sind mittlerweile abgerissen. In anderen Fällen haben die Fotos überhaupt erst darauf aufmerksam gemacht, dass es bessere Möglichkeiten als den Abriss geben kann“, erläutert der Fotograf.

Der internationale Fokus von Molitor macht die Sammlung einzigartig. Es sind Wohn- und Industriebauten darunter, Kirchen, Villen und Schulgebäude, Rathäuser, Tankstellen, sogar einige anthroposophische Gebäude im Geiste Rudolf Steiners.

Bauhaus-Moderne auf Zollverein

Im Hintergrund: Video-Beitrag zur Vorgehensweise von Molitor

Die Bilder erzählen nicht nur eine Geschichte der Architektur, sondern auch ihrer globalen Verflechtungen. „Man sieht, dass der Globalismus nicht erst mit dem Internet begann“, erklärt der Fotograf. „Der Austausch von neuen Erkenntnissen ging schon immer auf Reisen – auch in die Kolonialgebiete europäischer Mächte“.

Ein Beispiel ist die Architektur im Stadtzentrum von Asmara, der Hauptstadt von Eritrea, die bis in die 1940er-Jahre unter italienischer Kolonialherrschaft stand und seit 2017 zum UNESCO-Welterbe zählt. Molitors fotografische Arbeit dort ist zugleich Teil eines größeren Diskurses über Erinnerungskultur, Verantwortung und die Frage, wie eine Auseinandersetzung mit Vergangenheit gestaltet werden kann.

Als großer Fan der Bauhaus-Architektur faszinieren mich Molitors Arbeiten sehr. Einige der präsentieren Bauten aus dem Rheinland, dem Ruhrgebiet und aus Ostdeutschland sind mir durch persönliche Besuche bereits vertraut, das Meiste ist jedoch neu für mich. Eine echte Offenbarung, sehr wirkungsvoll und zum Thema passend in Szene gesetzt vor dem Hintergrund der historischen Zechenarchitektur des UNECSO-Weltkulturerbes Zollverein.

( Michael Tischer )

Portrait des großen Führers

Portrait des großen Führers
25. Juni 2026

A.M.S., Donald T., 2018

Er ist der mächtigste Mann der westlichen Welt, im Kreise anderer Staatsoberhäupter nennt er sich gerne „der Boss“ – Donald J. Trump. Ein Mann, dessen Weisheit, Wirkmächtigkeit und mentale Fitness unerreicht sind und dessen Geheimdienste ALLES sehen. Deshalb hängt sein Porträt jetzt auch bei mir an der Wand. Sicher ist sicher.

Allerdings nicht die offizielle Aufnahme aus der Pressestelle des Weißen Hauses, sondern eine – sagen wir – etwas spezielle Variante, gemalt von dem deutschen Schauspieler Armin Müller-Stahl, der sich dem „Land of the Free“ durch seine erfolgreiche Arbeit in Hollywood noch immer sehr verbunden fühlt.

Der Titel des Bildes und gleichzeitig die Bildinschrift lautet „Dieser Mann kommt aus der Nullserie der Menschheit. So kaputt, dass es nicht lohnt, ihn zu reparieren“. Die deutlich erkennbaren Bildanteile von Bräunungscreme sprechen eine eindeutige Sprache, aber dass es sich bei den schwarzen olivenförmigen Parallelstrichen in Trumps Gesicht um eine Anspielung auf das Hitlerbärtchen handeln könnte, glauben natürlich nur Neider, Versager und Idioten, um im Duktus des Großen Führers zu bleiben.

( Michael Tischer )

Werkschau Carl Grossberg

Werkschau Carl Grossberg
Wuppertal, 23. Juni 2026

Carl Grossberg, Papiermaschine, 1934

In dem von mir geschätzten Von der Heydt-Museums, Wuppertal, ist noch bis Ende August eine umfangreiche Werkschau eines der herausragenden Maler der Neuen Sachlichkeit zu sehen: Carl Grossberg (1894–1940).

Sein umfangreiches Werk, das in einem Zeitraum von nur knapp 20 Jahren entstand, widmet sich fast ausschließlich den Themen Architektur und Industrie.

Mit seiner formalen Klarheit und Strenge ist es Ausdruck eines neuen, fotografischen Sehens und spiegelt den technischen Fortschritt im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts wider. Dabei regen die reduzierten Kompositionen dazu an, den industriellen Fortschritt und seine Wirkungen auf den Menschen kritisch zu hinterfragen.

Die erste große Retrospektive seit bald 30 Jahren betrachtet Grossberg’s Schaffen umfassend neu und präsentiert eine Reihe von bisher selten gezeigten Arbeiten. Dabei wird deutlich, wie aktuell Grossbergs Werke sind, in künstlerischer und in gesellschaftlicher Hinsicht. Insbesondere die vieldeutig lesbaren „Traumbilder“, einzigartig in der Kunst der 1920er und 1930er Jahre, weisen ihn als hochsensiblen Intellektuellen aus.

Werkschau Carl Grossberg

Selbstportait des Malers, 1926

Grossbergs Kunst beschwört die Magie der Dinge, macht die Komplexität der modernen Welt und ihre inneren Widersprüche sichtbar. Parallelen zu heute ergeben sich aus dem aktuell stattfindenden Strukturwandel mit noch unabsehbaren gesellschaftlichen Folgen, für den überzeugende visuelle Formen gerade ausgehandelt werden.

Carl Grossberg war einer der ersten Meisterschüler des Bauhauses. Seine Motivwahl und die Nüchternheit seiner Malerei sind untrennbar verbunden mit der gleichzeitig entstandenen Fotografie. Und sie haben ihrerseits wegweisende Fotograf*innen nachfolgender Generationen inspiriert: von August Sander über Bernd und Hilla Becher bis hin zu Thomas Ruff.

Das Von der Heydt-Museum realisiert die Ausstellung in Kooperation mit dem Museum im Kulturspeicher Würzburg (MiK). Beide Museen sind eng mit der Biografie des Künstlers verbunden: Er wurde in Elberfeld geboren, das heute zu Wuppertal gehört, und lebte ab 1921 in Sommerhausen, südlich von Würzburg. Dementsprechend ist er in den Sammlungen beider Häuser vertreten.

Obwohl ich mir gar nicht so viel von der Ausstellung versprochen hatte, war ich hinterher sehr angetan von Grossberg’s Werk. Sicher haben dazu auch die umfangreichen Bilderklärungen beigetragen, die man sich mühelos am Smartphone anhören kann. Eine Art ganz individueller Führung durch die Ausstellung. Sehr gut gemacht.

( Michael Tischer )